Gabriel Pitt
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KI: Gewonnene Zeit wird nicht zu verfügbarer Zeit

«Ein Überfluss an Information erzeugt einen Mangel an Aufmerksamkeit.» — Herbert A. Simon, 1971

In Präsent Sein schlug ich vor, das alte «Pendeln, Arbeiten, Schlafen» durch «Scrollen, Arbeiten, Scrollen, Schlaflosigkeit» zu ersetzen. Vier Jahre später braucht es eine neue Version: «Prompt, Gegenlesen, Besprechung».

Ich übertreibe ein wenig. Sicher. Aber nicht so sehr.

KI hat einen Teil ihres Versprechens gehalten: Sie produziert schnell. Ein Bericht in drei Minuten, zehn Varianten einer E-Mail, die Zusammenfassung eines vierzigseitigen Dossiers. Und doch sagen mir viele Führungskräfte, denen ich begegne, dasselbe: Sie produzieren mehr, ohne mehr Zeit zum Nachdenken zu haben.

Der Widerspruch ist nur scheinbar einer.

Der Engpass hat sich verlagert

Schreiben, Rechnen, Formatieren: Diese Aufgaben machten einen grossen Teil der Büroarbeit aus. KI beschleunigt heute viele davon.

Doch eine andere Grenze bleibt: unsere Fähigkeit, zu lesen, zu vergleichen, zu urteilen und zu entscheiden. Unser Arbeitsgedächtnis kann nur wenige Elemente gleichzeitig behalten. Es hat kein Update erhalten.

Jeder Text, der verwendet werden soll, muss gegengelesen werden. Jede Variante kann einen Vergleich erfordern. Jede wichtige Antwort muss überprüft werden, bevor sie weitergegeben wird. Mehr zu produzieren bedeutet auch, mehr Material zu schaffen, das verarbeitet werden muss.

Uns fehlen nicht mehr die Hände. Uns fehlt der freie Kopf.

Herbert Simon formulierte es bereits 1971, lange vor dem ersten Smartphone: Wenn Information im Überfluss vorhanden ist, wird Aufmerksamkeit knapp. KI hat dieses Problem nicht erfunden. Sie kann es beschleunigen.

Was die Studien zeigen

In einer Upwork-Umfrage von 2024 geben 77 % der Mitarbeitenden, die KI nutzen, an, dass sie ihre Arbeitslast erhöht hat. 39 % verbringen mehr Zeit damit, generierte Inhalte gegenzulesen oder zu korrigieren.

40 % der befragten Büroangestellten in den USA geben an, im Vormonat «Workslop» erhalten zu haben: KI-generierte Inhalte, die auf den ersten Blick sorgfältig ausgearbeitet wirken, aber nicht ausreichen, um die Arbeit voranzubringen. Die Befragten schätzen den Zeitaufwand für die Klärung jedes Falls auf durchschnittlich etwa zwei Stunden (BetterUp Labs und Stanford Social Media Lab, 2025).

Acht Monate lang beobachteten Forschende der University of California, Berkeley ein Technologieunternehmen mit rund 200 Personen. Die Arbeit wurde dort nicht leichter, sondern intensiver: mehr Aufgaben, mehrere Tätigkeiten parallel und Arbeit, die sich auf Pausen und Abende ausdehnt (Ranganathan und Ye, 2026).

Damit wir uns richtig verstehen: KI spart Zeit. Doch ein Werkzeug kann eine Aufgabe beschleunigen und gleichzeitig zusätzliche Arbeit rundherum schaffen: Überprüfung, Koordination, neue Anfragen.

Die eigentliche Frage lautet also: Was bleibt vom Zeitgewinn übrig, wenn all diese Arbeit mitgerechnet wird?

Was ich in der Praxis beobachte

Meine eigenen Umfragen zeigen, dass digitale Arbeitslast über die KI-Frage hinausgeht. Von 184 Führungskräften und Mitarbeitenden, die 2025 befragt wurden, finden 82 %, dass sie ihr Vorankommen bei ihren Prioritäten bremst.

Bei einem kürzlich durchgeführten Check-up beschrieben 11 von 18 Befragten die Erwartung einer schnellen Antwort, auch ohne Dringlichkeit. Nur 3 von 17 fanden, dass Konzentration ebenso geschätzt wird wie Erreichbarkeit. Kleine Zahlen, die aber Gewohnheiten benennen, die in einem Team oft als normal gelten.

Eine Führungskraft erzählte mir kürzlich eine Szene, die das Problem gut zusammenfasst. Vor einer Weiterbildung hatte sie einen Mitarbeitenden gebeten, seine Ziele zu definieren. Ein paar Zeilen hätten genügt. Sie erhielt vier Seiten. Gut geschrieben, gut strukturiert… und fast unbrauchbar: Workslop in seiner ganzen Pracht.

Statt einer langen Erklärung antwortete sie mit derselben Waffe: vier KI-generierten Seiten. Die Botschaft kam an.

Acht Seiten für eine Anfrage, die sich in wenigen Zeilen beantworten liess.

Was mich an dieser Geschichte interessiert, ist die fehlende Vorgabe. Eine ganz einfache Regel – «Für deine Ziele reichen ein paar Zeilen, die du selbst schreibst» – hätte zweimaliges Lesen und ein Missverständnis vermieden.

Théo Compernolle vergleicht Multitasking mit einem Schweizer Taschenmesser, bei dem alle Klingen geöffnet sind. Mit KI haben wir ein paar Klingen hinzugefügt. Und sie schneller gemacht.

Ein Schritt, damit gewonnene Zeit gewonnen bleibt

Im Team Spielregeln festlegen.

Hier gehen individuelle Zeitgewinne oft verloren. Denken Sie an die vier Seiten. Wann ist KI willkommen, und wann erwarten wir ein paar selbst geschriebene Zeilen? Wer überprüft generierte Inhalte, bevor sie weitergegeben werden? Welches Format genügt, um zu entscheiden? Welche Antwortfrist wird tatsächlich erwartet? Man kann klein anfangen: eine Teamsitzung, drei häufige Anwendungen, ein paar ausdrückliche Regeln. Zum Beispiel: Fakten prüfen, bevor ein Text weitergeleitet wird; die wichtigste Bitte an den Anfang einer Nachricht stellen; Situationen benennen, die eine schnelle Antwort erfordern. Ohne gemeinsame Regeln spart jeder Zeit bei seiner Aufgabe… und kostet andere Zeit.

Es geht nicht darum, für oder gegen KI zu sein. Es geht darum, zu entscheiden, was wir mit der Zeit tun, die sie freisetzt.

Für den Menschen. Mit der Technologie.

Und in Ihrer Organisation?

Wenn Ihre Teams mehr produzieren, aber beim Wesentlichen weniger vorankommen, betrachten Sie die oft unausgesprochenen Regeln rund um ihre Werkzeuge: Was muss überprüft werden, was sollte weitergegeben werden, was ist dringend und was kann warten?

Der Check-up Digitale Arbeitslast macht diese Reibungen innerhalb von drei Wochen online sichtbar und hilft, drei Handlungsprioritäten festzulegen. Check-up entdecken →

Häufige Fragen

Reduziert KI wirklich die Arbeitslast?

Sie verkürzt die Zeit für bestimmte Aufgaben wie Schreiben, Zusammenfassen oder Formatieren. Dieser Gewinn garantiert aber keine geringere Gesamtbelastung: Überprüfung, Koordination und neue Aufgaben müssen mitgerechnet werden. In der Upwork-Umfrage von 2024 geben 77 % der befragten Mitarbeitenden, die KI nutzen, an, dass sie ihre Arbeitslast erhöht hat.

Warum kann KI ermüdend wirken?

Weil sie einen Teil der Anstrengung auf das Lesen, Vergleichen und Prüfen verlagert und dazu anregt, mehr Überarbeitungen und Aufgaben parallel durchzuführen. Sie beansprucht Ihr Urteilsvermögen, das wiederum von Ihrer Aufmerksamkeit abhängt: Was wir nicht konzentriert betrachten können, beurteilen wir schlecht.

Was kann eine Organisation tun, um die Zeitgewinne durch KI zu erhalten?

Gemeinsame Regeln festlegen: Welche Anwendungen sind sinnvoll, wer überprüft generierte Inhalte, welches Qualitätsniveau reicht aus, welche Antwortfristen sind realistisch? Anschliessend prüfen, ob diese Gewinne wirklich den Prioritäten dienen. Der Check-up Digitale Arbeitslast hilft, die drei wichtigsten Handlungsprioritäten zu bestimmen.

Gabriel Pitt ist Referent, Autor von Präsent Sein und Gründer von OFF/ON®. Er begleitet Organisationen zu digitaler Arbeit, Aufmerksamkeit und KI.

Quellen und Methodik

Herbert A. Simon, «Designing Organizations for an Information-Rich World», 1971. Zitat aus dem Englischen übersetzt.

Upwork Research Institute, From Burnout to Balance: AI-Enhanced Work Models for the Future, 2024. Umfrage auf Basis von Selbstauskünften in den USA, Grossbritannien, Australien und Kanada mit 2500 Personen (625 Mitarbeitende, 625 Selbstständige, 1250 Führungskräfte). Die Zahl von 77 % bezieht sich auf Mitarbeitende, die KI nutzen.

BetterUp Labs und Stanford Social Media Lab, Workslop: The Hidden Cost of AI-Generated Busywork, 2025. Umfrage auf Basis von Selbstauskünften unter 1150 vollzeitbeschäftigten Büroangestellten in den USA.

Aruna Ranganathan und Xingqi Maggie Ye, «AI Doesn't Reduce Work—It Intensifies It», Harvard Business Review, Februar 2026. Achtmonatige qualitative Forschung in einem einzigen Unternehmen; die Ergebnisse gelten nicht für alle Organisationen.

OFF/ON-Umfragen, 184 Führungskräfte und Mitarbeitende, 2025. Selbstauskünfte, nicht repräsentative Stichprobe. Der erwähnte Check-up ist ein eigenständiger Auftrag; die Anzahl der Antworten variiert je nach Frage.

Théo Compernolle, Vergleich mit dem Schweizer Taschenmesser, aufgegriffen in Gabriel Pitt, Präsent Sein, 2022.