Gabriel Pitt
FRENDE
← Medien · Blog

Die Präsentation ist bereit. Sind Sie es auch?

Ein Referent steht vor fertigen Diagrammen und bleibt sprachlos, dargestellt durch eine leere Sprechblase. Titel: Die Präsentation ist bereit. Sind Sie es auch?
KI-generierte Illustration.

Als ich noch einen Papierkalender hatte, kannte ich meinen Tagesablauf fast auswendig. Ich wusste, welche Termine am Nachmittag anstanden, oft ohne nachzuschauen.

Dann wechselte ich zu Lotus Notes. Die Termine waren gespeichert, die Erinnerungen kamen pünktlich. Eines Tages merkte ich, dass ich ohne Blick in den Kalender nicht mehr wusste, was ich ein paar Stunden später vorhatte.

Mein Kalender wusste es. Ich weniger.

Ich hatte nicht aufgehört, Termine zu haben. Ich musste sie mir nur nicht mehr merken. Für Termine war das perfekt.

Mit KI stellt sich dieselbe Frage erneut. Doch diesmal geht es nicht um Termine. Es geht um das, was wir schreiben, präsentieren und vertreten.

Wiederfinden heisst nicht verstehen

Ich trauere meinem Papierkalender nicht nach. Sich nicht alles merken zu müssen, ist eine echte Hilfe.

Das Internet hat diese Hilfe erweitert. Warum etwas auswendig lernen, das man in Sekunden wiederfindet?

2011 beobachteten Betsy Sparrow und ihre Kollegen das in Laborexperimenten: Wenn Menschen erwarten, eine Information später wiederfinden zu können, merken sie sich eher, wo sie zu finden ist, als was sie besagt. Das ist der «Google-Effekt». [1]

Manchmal ist von «digitaler Amnesie» die Rede. Das geht zu weit. Diese Experimente zeigen keinen Zusammenbruch unseres Gedächtnisses. Sie legen nahe, dass sich verändert, was wir uns merken.

Bei einem Termin reicht es, zu wissen, wo man nachschauen muss. Bei einer Idee, die man in einer Sitzung vertreten soll, nicht.

Folien vorbereiten hiess, sich selbst vorbereiten

Diesen Unterschied habe ich erlebt, als ich versuchte, mit KI eine Präsentation für einen Vortrag zu erstellen. Die Folien waren da. Aber so konnte ich den Vortrag nicht halten.

Ich musste mir den Inhalt erst zu eigen machen.

Meine Vorträge und Schulungen erarbeite ich selbst: die Botschaften, den roten Faden, die Abfolge. Und ich beginne immer gleich: von Hand, auf einem Blatt Papier. Die Blickwinkel, die Geschichte, der Gesamtüberblick. Erst danach entwickle ich die Ideen. Zu entscheiden, was ich sagen will und wie, gehört zu meiner Vorbereitung. Während ich die Folien vorbereite, bereite ich auch mich selbst vor.

Eine Quelle suchen, eine Idee verwerfen, die Reihenfolge ändern: Das alles braucht Zeit. Zeit, die wir vielleicht für vollständig eingespart halten, wenn KI übernimmt. Aber genau dabei setzen wir uns mit dem Thema auseinander. Das Dokument kann dann schneller vorankommen als unser Verständnis.

Die Forschung beginnt, diesen Unterschied zu untersuchen. Eine explorative Studie des MIT Media Lab stellt eine verwandte Frage anhand einer Schreibaufgabe. Unter 54 Teilnehmenden fiel es denjenigen, die einen KI-Assistenten nutzten, schwerer, wenige Minuten später aus ihrem eigenen Text zu zitieren. [2] Es handelt sich um einen Preprint mit kleiner Stichprobe. Die Unterscheidung bleibt hilfreich: Einen Text erstellt zu haben bedeutet nicht, ihn auch behalten zu haben.

Und wie erleben es die Menschen, die diese Werkzeuge nutzen? In zwei kleinen Umfragen, die 2026 unter Studierenden durchgeführt wurden, gaben 16 von 22 Befragten an, oft oder immer das Gefühl zu haben, dass KI sie dazu verleitet, sich beim eigenen Suchen, Nachdenken oder Einprägen weniger anzustrengen. [3] Das sind Selbsteinschätzungen, kein Gedächtnistest. Aber sie werfen die Frage auf, welchen Teil der Arbeit wir weiterhin selbst leisten.

Eine gute Erklärung reicht nicht

KI kann auch beim Verstehen helfen. Dafür nutze ich sie: um einen Gedanken anders zu formulieren oder eine komplexe Unterlage verständlicher zu machen.

Doch wir brauchen auch Zeit, um innezuhalten, die Gedanken zu verbinden und sie anzuwenden. Diese Arbeit hat ihren Preis. Man spricht von kognitiver Belastung: dem Aufwand, den die Verarbeitung einer Information verlangt. Und unser Arbeitsgedächtnis, das die gerade bearbeiteten Informationen bereithält, kann nur wenige Elemente gleichzeitig behalten. [4], [5]

Hier kommt die Zeit ins Spiel. In meinem ersten Artikel habe ich geschrieben, dass gewonnene Zeit nicht automatisch zu verfügbarer Zeit wird. Dabei kann KI uns helfen, ein Thema zu vertiefen. Oder fünf weitere aufzumachen. Dann haben wir mehr zu prüfen, ohne es unbedingt besser zu behalten.

Ein Versuch: die Folien schliessen

Woran erkennen Sie, ob Sie sich den Inhalt wirklich zu eigen gemacht haben? Wenn Sie mit KI eine Präsentation vorbereitet haben, versuchen Sie Folgendes: Schliessen Sie die Folien. Erklären Sie Ihre drei wichtigsten Gedanken laut.

Warum gerade diese? Wie hängen sie zusammen? Worauf stützt sich Ihre Schlussfolgerung?

Sie merken schnell, was trägt und was noch wackelt. Öffnen Sie die Präsentation danach wieder, um zu prüfen und zu ergänzen.

Die Idee stützt sich auf die Forschung zum aktiven Erinnern: Sich darum zu bemühen, eine Information abzurufen, hilft dabei, sie zu behalten. [6]

Drei Minuten für die Folien. Und für die Vorbereitung?

Eine Voraussetzung bleibt: diese Zeit zu haben. In einem Team hängt das nicht nur von einem selbst ab. Stellen Sie sich eine Führungskraft vor: «Die KI erstellt die Folien in drei Minuten. Kannst du sie mir in einer halben Stunde präsentieren?»

Die Frist richtet sich nach der Produktionszeit. Die Person muss sich aber erst noch vorbereiten.

Wir können ein Team im Umgang mit KI schulen und trotzdem alles immer schneller erwarten. Hier treffen individuelle Gewohnheiten auf Führungsentscheidungen.

Eine erste Veränderung: den Auftrag präzisieren. «Ich brauche deine Empfehlung, ihre Begründung und den Punkt, bei dem du noch unsicher bist.» Dann geht es im Gespräch um den Inhalt und nicht um die Folien.

Wenn das Team ein Ergebnis nach dem anderen abliefert, ohne diese Zeit je zu haben, stellt sich die Frage auf einer höheren Ebene: Lassen die Fristen, die Prioritäten und die Arbeitsbelastung das überhaupt zu? Menschen zu schulen reicht nicht. Auch diese Bedingungen müssen sich ändern. [7]

Mein Kalender kann sich meine Termine für mich merken. Bei einer Empfehlung oder einer Entscheidung möchte ich mich auf das verlassen können, was ich verstanden habe.

For humans, with technology.

Und in Ihrer Organisation?

Wenn KI die Produktion beschleunigt: Wer sichert die Zeit zum Verstehen, Prüfen und Entscheiden?

Das untersuche ich gemeinsam mit Teams und ihren Führungskräften: die Nutzung der Werkzeuge, die Erwartungen daran und die Arbeitsregeln, die angepasst werden müssen. Der Digital Attention Check-up liefert eine erste Bestandsaufnahme und hilft, drei Handlungsprioritäten festzulegen – online, innerhalb von drei Wochen.

Mehr zum Digital Attention Check-up →

Häufige Fragen

Führt KI zu Gedächtnisverlust?

Das lässt sich aus den hier zitierten Studien nicht ableiten. Sie zeigen vor allem, dass das Behalten von der Aufgabe und der Art der Werkzeugnutzung abhängt. Etwas mit Unterstützung zu erstellen garantiert nicht, dass man den Inhalt gelernt hat.

Was unterscheidet das Arbeitsgedächtnis von der kognitiven Belastung?

Das Arbeitsgedächtnis hält die Informationen bereit, die wir für die aktuelle Aufgabe brauchen. Die kognitive Belastung beschreibt den Verarbeitungsaufwand, den diese Aufgabe verlangt. Wie schwierig das Thema ist, wie es dargestellt wird und was wir bereits wissen, beeinflusst diesen Aufwand.

Welche Rolle spielen Führungskräfte?

Klarstellen, was von einem Arbeitsergebnis erwartet wird, und Zeit zum Verstehen und Prüfen vorsehen. Wer nach den Gründen für eine Empfehlung fragt, eröffnet eine Diskussion über den Inhalt.

Wie macht man sich eine mit KI erstellte Präsentation zu eigen?

Indem man die wichtigsten Gedanken ohne Blick auf die Folien erklärt und diese danach zur Kontrolle wieder öffnet. Dieser Versuch ersetzt nicht die Prüfung von Quellen und Fakten.

Gabriel Pitt ist Referent, Autor von «Präsent sein» und Gründer von OFF/ON®. Er begleitet Organisationen in Fragen der digitalen Arbeit, der Aufmerksamkeit und der KI.

Quellen und Methode

  1. Sparrow, B., Liu, J. und Wegner, D. M. (2011). Google effects on memory: Cognitive consequences of having information at our fingertips. Science, 333, 776–778.
  2. Kosmyna, N. et al. (2025). Your Brain on ChatGPT: Accumulation of Cognitive Debt when Using an AI Assistant for Essay Writing Task. Preprint, 54 Teilnehmende.
  3. Umfragen Gabriel Pitt / OFF/ON, 2026. Zwei Umfragen unter Studierenden, 22 Antworten auf die betreffende Frage. Nicht repräsentative Stichproben; Selbsteinschätzungen.
  4. Cowan, N. (2001). The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. Behavioral and Brain Sciences, 24(1), 87–114.
  5. Sweller, J. (1988). Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning. Cognitive Science, 12, 257–285.
  6. Roediger, H. L. und Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17(3), 249–255.
  7. Nielsen, K. et al. (2017). Workplace resources to improve both employee well-being and performance: A systematic review and meta-analysis. Work & Stress, 31(2), 101–120.